Der Koppenwinkelsee nach Gewitter...
...entdeckt im Wasserturm von Favoriten.
Ich war noch nie im Dachsteingebirge oder in Obertraun, geschweige denn am Koppelwinkelsee. Trotzdem verbinde ich mit diesem See eine zauberhafte Geschichte, die sich in Wien zutrug:
Der Wunsch nach einer fantastischen Aussicht…
Ein Wahrzeichen vom Wiener 10. Gemeindebezirk Favoriten ist der Wasserturm. Im Stil des industriellen Historismus in den Jahren 1898 bis 1899 gebaut, ist es der schönste Wasserturm, den ich kenne. Bis 1956 diente er der Wasserversorgung. Heute wird das Innere als Ort für Veranstaltungen und Ausstellungen mit Bezug zum Thema Wasser genutzt. Wenn man Glück hat, darf man dann auch den Ausblick von der Plattform genießen. Der Turm lässt sich umrunden und gibt eine fantastische 360 ° Aussicht über Wien frei.
Ich gebe es zu, das war der eigentliche Grund, warum mich der Weg an einem wundervollen Sonnentag zur Ausstellung von Helmut Schindler führte, die gerade im Wasserturm zu besichtigen war. Als ich ungeduldig vor der Tür wartete, kam ein älterer Herr behände aus der Straßenbahn gesprungen und öffnete mir die Tür. Es stellte sich heraus, es war der Künstler höchstpersönlich. Da es einer der ersten warmen Sonnentage nach einer langen Trübwetter-Durststrecke war und noch wochentags dazu, war ich zunächst die einzige Besucherin. Nein, sagte er mir, auf die Aussichtsplattform dürfe ich nicht ohne begleitendendes Fachpersonal. So kamen wir ins Gespräch.
…führt zum Exklusivgespräch…
Der gebürtige Wiener Jahrgang 1939 hatte den Lehrberuf ausgeübt und zudem das Studium der Gebrauchsgrafik und der Malerei absolviert. Künstlerisch hatte er sich kontinuierlich weitergebildet in verschiedene Malrichtungen und war eine Zeit lang Mitglied einer Künstlergruppe, die sich dem Akt malen widmete.
In eine Schublade stecken lässt sich Helmut Schindler nicht. Das wird mir schnell klar, als wir, von Bild zu Bild schlendernd, über sein Arbeits- und Künstlerleben sprechen. Er erzählt mir viele Anekdoten. So war ihm vor etwa 30 Jahren am Ende eines Schuljahres im Klassenzimmer eine Mappe mit allen möglichen Bildern aus der Hand auf den Boden geflogen. Die Bilder lagen kunterbunt über- und untereinander. Er sah sich die Bescherung an und dachte „ein ganz neues Bild, was sich hier ergibt“. Das war der Beginn seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Collagen.
…über die Freiheit von Kunst.
Sich mit Kunst zu beschäftigen, ist für Helmut Schindler Lebenselixier. Dabei sucht er den unvoreingenommenen und neugierigen Blick auf die Welt und vor allem auf den Moment. Seinen Schülerinnen und Schülern versuchte er im Unterricht etwas an die Hand zu geben, durch das sie ins Nachdenken kommen und so von ganz allein Spaß daran entwickeln, zu lernen. Wer wünscht sich nicht eine solche Lehrkraft?
Der Koppelwinkelsee im größten Atelier der Welt.
Irgendwann bleiben wir vor dem Bild „Koppelwinkelsee nach Gewitter“ stehen und Helmut Schindler erzählt: „Meine Frau und ich waren auf dem Weg in den Urlaub und fuhren am Koppelwinkelsee vorbei. Da kam ein starkes Gewitter. Ich stellte mir vor, wie wunderschön das Licht am Koppelwinkelsee nach diesem Naturereignis sein müsse. Deshalb packte ich unmittelbar nach dem Unwetter die Staffelei und Malutensilien aus, suchte mir ein Plätzchen und malte den See.“
Einmal wurde Schindler gefragt, wo sein Atelier sei. Er antwortete: „Ich habe das größte Atelier der Welt“ und meinte damit die weite Natur mit allem, was es wert ist zu Malen. Er sagt: „Malen hat für mich viel mit Musik gemeinsam. Das Umsetzen von Stimmungen in farbige Akkorde fasziniert und reizt im gleichen Maß. Das wäre aber allein zu wenig. Malen macht mir Spaß und erfreut – selbst wenn es oft weh tut; selten befriedigt es – aber niemals nur selbst.“
Kunst ist für Helmut Schindler der Prozess der Kreativität, nicht aber das Ergebnis. Vielleicht liegt darin der Schlüssel. Bei Helmut Schindler führte die immerwährende Neugierde auf einen nicht vorhersehbaren Prozess zu überraschenden Ergebnissen. Ein Greul ist Helmut Schindler der Gedanke an die Zeit, in der die Politik Kunst diktierte. Er hält es mit Schiller: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“.
Meine zufällig entstandene Begegnung mit Helmut Schindler im Wasserturm von Favoriten hat nachgewirkt. Wenn ich nach einem Unwetter spazieren gehe, bin ich sehr gespannt darauf, welche Stimmung durch die Farben diesmal erzeugt wird. Ich denke an die Freiheit von Kunst und daran, dass es manchmal guttut, den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Stuttgart-Wien-und-mehr










